Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

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Wuelf
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Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von Wuelf » Dienstag 15. Mai 2018, 13:14

Moin,

ich trage mich mit dem Gedanken Vindø-Eigner zu werden und habe eine 40er gefunden, die insgesamt sehr gut gepflegt ist, lediglich das Überwasserschiff bereitet mir Sorgen:
Das komplette Gelcoat ist von feinen Rissen durchzogen, ich kann nicht erkennen wie tief die gehen. Es sieht nicht nach spannungsrissen aus, wie man sie bei Gfk-Decks an den Püttingen kannt. Laut Eigner sind die Risse bereits seit 25 Jahren vorhanden.

Ist das ein bekanntes Phänomen? Im Anhang ein Bild...

Vielen Dank
Lutz
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harald
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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von harald » Mittwoch 16. Mai 2018, 17:09

"Bei älteren Yachten haben wir es immer mit einer Auslaugung der Harze zu tun. Da immer - ohne Ausnahme Feuchtemoleküle in den Gelcoat und auch in das ISO-Laminat eindringen, haben wir es mit einem Auslaugungsprozess zu tun. Im GFK-Laminat wird das Laminat vor der Verarbeitung wegen der besseren Bindung getaucht oder Pulverbeschichtet. Dabei handelt es sich um ein Poxyd, das sehr instabil auf Grund seiner 3-Ring Molekülstruktur auf Feuchte reagieren kann. Dabei verbindet sich das Poxydmolekül mit einem Feuchtemolekül und es entsteht ein Diol - eine Flüssigkeit hoher Dichte. Da sich das Laminat vom Harz trennt, verliert das Boot seine statische Festigkeit unter dem Begriff bekannt - das Boot wird weich! Die Folge ist, dass in laufe der Zeit das Laminat zu brechen - reißen beginnt, das Boot wird immer instabiler mit der Folge dass auch der Gelcoat zu reissen beginnt da seine Elastizitätsgrenze überschritten wird. Solche Boote meist um die 30 Jahre und älter und sind in der Praxis fertig, - "Schrott", auch wenn das keiner wahrhaben möchte und immer noch von einen osmosefreien Boot "träumt" oder erzählt, nur weil er keine Blasen auf dem Gelcoat sieht. "

Vollständiger Artikel http://www.antifouling-shop.com/showthr ... IM-GELCOAT
Vindö 30_Fräulein Bö

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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von TomM » Mittwoch 16. Mai 2018, 23:50

Nun lass Dich mal nicht kirre machen, Lutz. Der Herr Guthmann ist ein weltbekannter Geschichtenerzähler. Er war mal Mitarbeiter bei einem Vertriebspartner der BASF (Relius) und meint seit dem er habe die Weisheit mit Löffeln gefressen. Vor allem sein "Beschichtungstheorie" ist ziemlich Hanebüchen.

Wahr ist, dass Glasfasermatten ein Coating haben, das die Fasern zusammenhält. Dieses Coating wird (wurde) vom Styrol im Polyester gelöst. Wie das bei den styrolfreien Harzen (die es heute gibt) ist weiß ich nicht, es wird aber ähnlich sein. Beim Handauflegeverfahren wird die Matte trocken mit der Rolle benetzt und angedrückt. Vorher wurde die Form mit Gelcoat (das ist hochgefülltes Polyesterharz) ausgespritzt oder ausgerollt. Das Gelcoat wird anhärten lassen (nicht durchhärten) bevor die erste Lage Faser mit Polyesterharz eingelegt wird. Die wird festgerollt und mit Entlüftungswalzen Blasenfrei gemacht Genau hier liegt das Problem. Bleibt eine Luftblase im Laminat wird die eindringende Feuchte (Wasserdampf) die immer eindringt! in der Blase kondensieren. Nun beginnt das zerstörerische Werk der Hydrolyse. Das ist der Prozess bei dem Kunststoffe unter Wassereinwirkung gecrackt werden (die Kettenlänge wird geringer). die Bruchstücke des Polymers werden zum Teil in Wasser gelöst. Es entsteht ein Bereich mit hoher Konzentration gelöster Stoffe. Draußen, vor dem Gelcoat ist die Konzentration niedriger. Nun versucht das umgebende Wasser ein Lösungsgleichgewicht (gleiche Konzentration in allen Bereichen) zu erreichen. das Wasser mit den gelösten Bestandteilen kann aber nicht raus, also kommt Wasserdampf durch das Gelcoat nach innen. Es wird mehr Wasser als die Luftblase aufnehmen kann in diesen Bereich geführt. Die Folge ist Überdruck, der zum Sprengen des Laminats führt. Diesen Lösungsdruck nennt man osmotischen Druck der mehrere hundert bar erreichen kann.

Der Vorgang der Osmose selbst ist das natürlichste der Welt. Ohne Osmose gäbe es kein Leben auf unserem Planeten. Das Problem sind entstehende Schäden durch Ungleichgewichte.

Was Du auf den Fotos dargestellt hast kann unterschiedliche Ursachen haben. Zum einen kann es sein, dass zu früh die erste Glasfasermatte eingelegt wurde und nun die Mattenstruktur sichtbar ist. Dafür spräche die Aussage des Voreigners, "das war schon immer so...". Es könnte auch sein, dass das Boot einmal lackiert wurde und der Lack nun den Geist aufgibt. Das halte ich für unwahrscheinlich weil dies meist mit kleine Bläschen verbunden ist an denen der Lack die Haftung verloren hat (das hat nichts mit Osmoseschäden zu tun). Die dritte Möglichkeit wäre Polierwahn eines Voreigners, leider machen das immer wieder Leute mit viel zu scharfen Poliermitteln (meist aus dem Lackbereich) das Gelcoat langsam aber sicher abzutragen. Die Folge können dann Osmoseschäden werden, weil das Gleichgewicht der Feuchte weiter nach innen verschoben wird. Schiffe in diesem Alter sind entweder Osmosesaniert oder haben keine Osmoseschäden. Das liegt eben an dem Gleichgewicht der Feuchte.

Ich würde das Schiff erst mal segeln und im Winter schauen ob Du an unauffälliger Stelle mal schleifen kannst, dann weißt Du mehr.

Ansonsten hat der Antifoulingpapst wenig bis gar keine Ahnung, noch nicht mal von Antifouling. Weich gesegelte Schiffe wurden IMMER überlastet was zu Brüchen (Stichwort Weißbruch) des Laminats führt. Hierbei kann das Harz oder/und die Glasfaser brechen und das Boot verliert die Stabilität. Selbs das könnte man sanieren (wenn auch viel zu teuer und daher kaum lohnend. Schiffe werden z.B. im Regattabetrieb weich gesegelt, von einer weich gesegelten Vindö habe ich noch nie gehört.
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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von Anders Christensen » Donnerstag 17. Mai 2018, 17:21

Moin Moin
Uhhha jetzt wird es kompliziert, vielleicht soll ich lieber zurück auf ein hölzerne schiff gehen.
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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von harald » Donnerstag 17. Mai 2018, 18:58

Das Problem ist ja auch eher - wenn keiner weiß was es ist, kann man auch nicht sagen ob und wie es reparierbar ist!
Stimmt schon - der schiefe Turm von Pisa ist auch noch nicht umgefallen (da wurde auch was dran gemacht) und diese 40er auch noch nicht gesunken. Was mich nur wundern würde - warum diese Risse vor dem Wasserpass aufgegeben haben?
Wenn unter dem Antifouling auch welche sind kann ich mir ehrlich nicht vorstellen dass das gut ist....
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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von Anders Christensen » Donnerstag 17. Mai 2018, 20:16

Ist es wirklich risse, es ist schwer auf der bild zu sehen, für mich sieht es aus als es die hinterliegende glasfaser was zu sehen ist, es heisst also das der ganze gelcoatschicht fast weggeschliffen ist, aber das kann wohl kaum der fall sein wenn es über die ganze fläche so aussieht.
LG Anders

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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von TomM » Donnerstag 17. Mai 2018, 23:41

Na ja, eines ist es auf jeden Fall nicht - Osmoseschädigung!

Anders, kompliziert ist Elektronik, Chemie ist ganz einfach :elch:

Im Ernst, um eine Diagnose abgeben zu können muss man ungefähr verstehen wie sich solche Schäden erklären lassen könnten. Alles andere ist nicht professionell.

Ausgekreidetes Gelcoat hätte Krater. Meist sind da schwarze Punkte im Grund des Kraters. Die Risse deuten auf Lack hin, der reißt im Alter manchmal so auf. Die Frage ist warum ist es Lack? Was hat da einer mal gemacht und warum? Die Struktur sieht aus wie Glasfasermatte, aber so würde ja niemand lackieren, oder? Durchpoliertes, oder durchgeschliffenes Gelcoat wäre leicht wolkig, hell und dunkler. Die Struktur im Gelcoat wäre dann wirklich ein Produktionsfehler - möglich wäre es.

Wenn der Eigner einwilligt würde ich mal am Süllrand oder an der Scheuerleiste schleifen und sehen wie es drunter weitergeht. Auf jeden Fall ist eine Rumpflackierung fällig, das bekommt man mit "putzen" nicht mehr hin.
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Re: Risse im Gelcoat des Überwasserschiffs

Beitrag von Wuelf » Samstag 19. Mai 2018, 08:55

Hallo,

vielen Dank für die Hinweise, ich überlege mir mal, wie ich damit umgehe..
Der komplette Abtrag des Gelcoat und ein Neuaufbau soll laut einer bekannten Werft 15.000 kosten, das lohnt sich dann sicher nicht. Ob ich es mir in Eigenarbeit antun will bezweifle ich..

Gruß
Lutz

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